Ganzheitliche Orthopädie

Was bedeutet ganzheitliche Orthopädie?
Viele Leser dieser Website werden sich fragen, wie man das Thema ganzheitlich im Rahmen der Orthopädie betrachten kann. Das Wort „ganzheitlich“ hat im Verlaufe der letzten 10 – 15 Jahre auf dem Gebiet der Schulmedizin einen neuen Stellenwert bekommen.

Um es ganz grob zu vereinfachen, bedeutet „ganzheitlich“, bezogen auf den Stütz- und Bewegungsapparat des Menschen, dass alle Knochen, Gelenke, Bindegewebe und Muskelstrukturen in Ketten- und Regelkreisen miteinander verbunden sind und somit auch miteinander interagieren. Man muss das so vorstellen, dass ein Gelenk z. B. als kleine strukturelle Einheit angesehen werden kann, welches jedoch durch Muskeln und Bindegewebsstrukturen wiederum mit anderen Gelenken und deren Umgebungsgewebe verbunden ist. Bestimmte Gelenk- und Muskelstrukturen werden dabei als Systemeinheiten betrachtet, die wiederum kettenförmig mit darüber oder darunter gelegenen Regelkreissystemen in Verbindung stehen. So bedeutet die ganzheitliche Betrachtung dieser Systeme, dass z. B. ein Knieproblem (z. B. ein Kniegelenksverschleiß) durch Minder- oder Fehlbelastung ebenfalls eine Störung im darüber gelegenen System, dem Becken/untere Lendenwirbelsäule und dem unteren Gelenk, dem Sprunggelenk hervorrufen kann. Ein Problem der unteren Lendenwirbelsäule wiederum kann ebenso Auswirkungen bis in die obere Halswirbelsäule haben.

Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen zwei verschiedenen Störarten in diesen Systemen. Zum einen kann es sich um strukturelle Störungen handeln, d. h., der Muskel oder das Gelenk ist von der Struktur her geschädigt, d. h. es weist einen irreversiblen Schaden z. B. eine Narbe im Falle eines Muskelfaserrisses oder einen Knorpelschaden im Falle eines Gelenkverschleißes auf. Die andere große Gruppe von Störungen bezieht sich auf die Funktion der betroffenen Struktur (funktionelle Störungen). Hierunter kann man z. B. Gelenkblockierungen und muskuläre Fehlansteuerungen rechnen. Die funktionellen Störungen sind weitaus häufiger anzutreffen, vor allem im noch jüngeren Patientenalter.

Man kann auch sagen, dass eine kontinuierliche Störung der Funktion über viele Jahre letztendlich zu einem Verschleiß der entsprechenden Struktur führt.


fehlerhafte Körperstatik und die Folgen
für die Gelenke

Störungen der Funktion in einer Struktureinheit (z. B. einem Muskel oder einem Gelenk) müssen nicht zwangsläufig mit Schmerzen oder anderen Symptomen einhergehen. Man nennt diesen schmerzfreien Zustand der gestörten Funktion auch kompensierten Zustand. Erst wenn das System mit den Einschränkungen nicht mehr „leben“ kann, dann geht es in einen dekompensierten Zustand über und unter Umständen wird dann der Patient an der betroffenen Stelle Schmerzen empfinden. Um die Betrachtungsweise jetzt ganzheitlich fortzuführen, muss man sagen, dass jede kleine Einheit, die mit anderen Einheiten verbunden sind, Verstellungen und Funktionsstörungen sozusagen weitergeben kann, um sich selbst zu entlasten. Es entstehen somit Kettenphänomene, die entweder aufsteigend oder absteigend durch den Körper ziehen und die zur Folge haben, dass der Ort der Ursache nicht gleichbedeutend sein muss mit dem Ort der Schmerzentstehung. Lassen Sie mich dieses durch ein Beispiel verdeutlichen: Ein Patient hat eine gestörte Funktion eines kleinen Zwischenwirbelgelenkes im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule. Diese Funktionsstörung in dem Segment ruft wiederum eine verminderte Impulsgebung des dort abgehenden Nerven hervor. Dieses Phänomen führt dazu, dass die dynamische Muskelkraft des dazugehörigen Quadrizepsmuskels für den Patienten nicht fühlbar beeinträchtigt wird. Nur bei großen Belastungen, z. B. Treppensteigen, kommt es auf Grund der mangelnden dynamischen Muskelkraft zu einer Überlastung, in deren Folge die Kniescheibe, die in den Sehnenverlauf des Quadrizepsmuskels eingebunden ist, keine adäquate Führung im Kniescheibengleitlager mehr gewährleisten kann.


Beispiel für ein Arthroseknie

Diese fehlgesteuerte Kniescheibenfunktion induziert dann ein Knieproblem, das vom Patienten als ein belastungsabhängiger Knieschmerz beschrieben wird, der jedoch seinen Ursprung in der symptomlosen funktionellen Vertstellung der unteren Lendenwirbelsäule hat. Es gibt tausende von Beispielen im Bereich des Stütz- und Bewegungsapparates, die nach diesem Muster funktionieren. Die meisten Sehnenansatzproblematiken haben ihren Ursprung in verschiedenen Abschnitten der Wirbelsäule (z. B. Fersensporn, Tennisellenbogen, Schultergelenkprobleme, Achillessehnenprobleme etc.). Das Kausystem bzw. die Kiefergelenke haben auch einen erheblichen Einfluss auf die Körperstatik. Dazu wird in einem gesonderten Abschnitt Stellung genommen. Störungen des Bisses bzw. Funktionsstörungen der Kiefergelenke(CMD) können zu erheblichen deszendierenden (absteigenden) Problematiken führen und unter Umständen chronische Lendenwirbelsäulen- oder Hüftgelenksschmerzen hervorrufen. Störungen der Struktur sind die Folge von lang andauernden Fehlbelastungen von Gelenken und den Umgebungsstrukturen. Ein abgenutztes d.h. degenerativ geschädigtes Gelenk hat zumeist eine jahrelange Geschichte zu erzählen und plötzlich auftretende Beschwerden sind nur ein Anzeichen davon, dass das System nun nicht mehr in der Lage ist, einen symptomfreien Zustand aufrecht zu erhalten. Andererseits kann eine Verschleißerkrankung auch nach Unfällen und entsprechenden Verletzungen dieser Strukturen auftreten. Im Falle einer Arthrose reagiert der Körper an allen Gelenken gleich, nach einer Zeit der Überbelastung, die den Knorpel schädigt, wird Knochen angebaut, der den Druck pro Fläche verringert. Folge davon sind weitere Störungen der Gelenkmechanik. Ein arthrosegeschädigtes Gelenk muß nicht zwangsläufig schmerzen. Viel Bewegung, ein gesundes Gewicht und die Vermeidung von einseitigen Belastungen und Stressfaktoren können ein solches Gelenk noch lange gut funktionieren lassen. Wichtig ist hier auch, dass die Nachbarregionen regelmäßig untersucht und auch ggf. durch physiotherapeutisch behandelt werden.

Die Inneren Organe gehören auch dazu
Um das Ganze noch zu erweitern muss hier im Rahmen der ganzheitlichen Orthopädie angeführt werden, dass orthopädische Problematiken ebenso im Zusammenhang mit inneren Organen gesehen werden können. So haben Knieprobleme nicht selten ihren Ursprung in Dickdarmproblematiken, da sowohl die muskuläre Ansteuerung des Kniegelenkes und die nervale Versorgung des Dickdarmes in den gleichen Segmenten der Lendenwirbelsäule verschaltet werden. Lungenerkrankungen, wie chronische Bronchitiden oder lang dauernde Infekte der tiefen Atemwege können zu schmerzhaften Funktionsstörungen der dazugehörigen Brustwirbelsäulensegmente führen. Hormonelle Störungen, vorangegangene Bauch-Operationen, Menstruationsbeschwerden, Prostataprobleme oder Gebärmutterent-zündungen können wiederum schmerzhafte Funktionseinschränkungen im Bereich des Beckens (Kreuzbeinfugenblockierungen) mit entsprechenden Symptomen hervorrufen.

Nicht zuletzt die Seele…
Nicht zuletzt darf in der ganzheitlichen Orthopädie niemals der Aspekt weggelassen werden, dass jede orthopädische Erkrankung auch einen mehr oder weniger großen Bezug zur Seele hat. Ich erkläre meinen Patienten immer, dass jeder von uns mit einem Töpfchen ausgestattet ist, wo er Zeit seines Lebens alle Störfaktoren reinpackt. Solange wie das Töpfchen nicht voll ist, kann der Organismus die funktionellen Feststellungen oder z. T. auch strukturelle Erkrankungen gut puffern, der Mensch fühlt sich trotz seiner vorliegenden Einschränkungen gesund und symptomfrei. Wenn das Töpfchen jedoch voll ist, so passiert es sehr häufig, dass ein kleiner Tropfen das System zum überlaufen bringt und dann sehr schnell eine Symptomkette hervorgerufen wird. Manche Patienten berichten, dass sie sich ja eben nur beim Zähneputzen des Hals verrenkt haben und jetzt ihre Problematiken nicht mehr los werden und der Orthopäde gar einen Bandscheibenvorfall festgestellt hat. Dazu muss man sagen, dass die Bandscheibenvorfälle zum großen Teil symptomlos schon Jahre vorher da waren und dass nur eine kleine Ursache noch notwendig war, um das Fass zum überlaufen zu bringen. Sehr häufig ist der letzte entscheidende Faktor hierbei, die psychische Stressbelastung, der wir jeden Tag in verschiedener Art und Weise ausgesetzt sind. Und unter Umständen gehört es auch zu einer orthopädischen Behandlung bei Patienten, bei denen man eine hohe Stressbelastung feststellen kann, diese in entsprechende entstressende Therapien einzuleiten, um letztendlich auf orthopädischem Gebiet eine Symptomfreiheit erzielen zu können.

Die Diagnose und Therapie von orthopädischen Erkrankungen im ganzheitlichen Sinne bedeutet, eine möglichst genaue Differenzierung der Symptome in Bezug auf die Ursache zu machen. Denn wenn man die Ursachen bekämpft, die unter Umständen in einem völlig anderen Organ oder Skelettgebiet liegen, kann eine nachhaltige Symptomfreiheit am Ort der Schmerzentstehung erfolgen.

Voraussetzung für diese ganzheitliche Betrachtungsweise ist eine genaue Anamnese, eine komplette Untersuchung des Patienten und eine sorgfältige Diagnosestellung. Dies erfordert viel Zeit, die die heutige Schulmedizin kaum noch zur Verfügung stellt bzw. entsprechend vergütet wird. Die Darstellung des Ganzheitsaspektes soll jedoch auch die Patienten wachsam werden lassen und vor allem offen dafür, auch mal etwas anderes neben dem 5-Minuten-System zuzulassen. Tausende von operativen Eingriffen könnten so heute eingespart werden, denn nicht jeder Knieschmerz ist ein Meniskusproblem und nicht jeder kaputte Meniskus ruft einen Knieschmerz hervor.



schwere Strukturschädigung HWS



normale HWS


Störung der Funktion HWS



Dr. med. Uta Laukens | Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie
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